Ein Stadtteil, den keiner will

Es kommt eine zermürbende Stimmung auf, als ich den Stadtteil betrete. Die zerfallen Gebäude sind abgeschirmt. Abgeschirmt hinter Meter hohen Metalwänden. Die verblassten Ruinen lassen erahnen, welche Baukunst dort vor einigen Jahr noch vorzufinden war. Man sagt sich, der Stadtteil sei gefährlich. Räuber, Prostituierte und andere Gesetzeslose würden hier wohnen. Selbst die Polizei traue sich bei Nacht nicht mehr hinein.

Die Menschen, die mir auf meinem Streifzug begegnen, schauen mit gesenkten Blick auf den Boden.

Langsam und vorsichtig bahne ich mir meinen Weg durch den Stadtteil. Über den Straßen der noch bewohnten Gebiete schmücken Wäscheleinen und bunte Fassaden das Straßenbild. Kinder spielen auf der Straße. Es wirkt alles sehr viel freundlicher. Doch auch diese Freundlichkeit wird bald verwirkt sein, denn hier wird ein Einkaufszentrum samt luxuriösen Wohneinheiten entstehen.

Der Stadtteil von dem ich hier spreche, heißt Tarlabaşı und befindet sich in Istanbul. Er liegt zentral, nahe des Taksim Platzes und steht den Stadtplänen der Regierung im Weg. Hier soll zukünftig Modernität und Luxus dominieren und ein Stück des alten, historischen Istanbuls verschwinden.

Auf meinem Weg durch die Straßen sprechen mich ein paar Männer an. Sie wundern sich, dass ich mich als „Tourist“ allein hier herein traue. Ich erzähle ihnen auf gebrochenem Türkisch, dass ich Student bin und in Istanbul wohne. Das macht mich wohl direkt sympathisch und so entwickelt sich ein kleines Gespräch: ich mit meinem Türkisch und die zwei mit ihrem Türkisch. Denn so, wie ich die beiden verstehe, kommen sie auch nicht aus der Türkei.

Zum Abschluss wollen sie, dass ich ein Foto von ihnen mache. Eine Erinnerung, denn die beiden werden der Gentrifizierung zum Opfer fallen, genauso wie die zahlreichen historischen Gebäude hinter ihnen.

Anwohner Tarlabasis

Anwohner Tarlabasis

Ich arbeite mich immer weiter in das Viertel vor. Die Stahlwände werden höher und die Gebäuderuinen wirken älter, zerfallener und ohne Zukunft.

Tarlabasis

Tarlabasis

Als ich gefühlt mitten im Viertel bin, kommt eine Gruppe Jugendliche auf mich zu. Keiner von ihnen spricht richtig Englisch. Einer von ihnen beherrscht ein paar Worte. Meine Kamera wäre cool, er will mal die Fotos sehen. Aber Sehen reicht ihm nicht. Er möchte meine Kamera in die Hand nehmen. Während er die Fotos durchguckt, droht er mir, ich solle hier keine Fotos mehr machen und wenn er welche von Anwohnern sehen würde, bekäm ich Ärger.

Mein Herz fängt schneller an zu pochen. Mulmig fühle ich mich. Zum Glück habe ich viele Fotos von den alten Gebäude gemacht. Kurz bevor er das Foto mit den zwei Männern entdeckt, bricht er ab. Die Kamera gibt er mir wieder, mit den eindrücklichen Hinweis, hier keine Fotos mehr zu machen.

Noch mit etwas erhöhtem Puls mache ich mich auf direktem Weg zum Taksim Platz.

 

Rückblickend betrachtet, habe ich hier an diesem Tag wohl eine meiner emotionalsten Fotoserien in Istanbul gemacht. Ich habe danach viele Reportagen und Zeitungsberichte über Tarlabaşı gelesen und bin heute noch fasziniert von meinen Erlebnissen dort.

 

 

 

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4 Kommentare zu “Ein Stadtteil, den keiner will

  1. So unterschiedlich können Erlebnisse an einem Tag sein! Ich bin ja immer ein wenig schroff, wenn mir jemand blöd kommt. Sehr zum Ärger meines Mannes. Spannende Fotos! Jutta

  2. Wow, was für ein Erlebnis. Und auch wenn „niemand diesen Stadtteil will“, finde ich ihn wirklich sehenswert. Schön, dass du so tolle Bilder einfangen konntest.

    Liebe Grüße
    Christina

    • Der Stadtteil ist auch sehenswert, leider nicht mehr lange. Ich weiß gar nicht, wie weit die Umbauarbeiten mittlerweile vorangeschritten sind.
      Im deutschen Fernsehen gab es auch einige Reportagen über Tarlabasi: Dort werden nicht nur die Leute vertrieben, sondern auch Kulturgüter zerstört.

      Aber so lange die AKP regiert, wird sich an dem Shopping Mal Wahnsinn in Istanbul nichts ändern.

      Grüße
      Christian

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